Sonntag, 26 September 2021 10:05

Die Familie Hoensbroech lud zum Baumspaziergang ein

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VON OLIVER TRIPP Kerpen-Türnich. Es war eine besondere Atmosphäre, die der Schlosspark mit seinen Baumriesen und der buschigen Bodenvegetation in der Dämmerung und im Dunkel der Nacht vermittelte. Da jagten zu Beginn des literarischen Baumspaziergangs, der im Rahmen des Literaturherbstes Rhein-Erft unternommen wurde, Fledermäuse im Licht einer Handlampe über den Schlossweiher. Über teils schlüpfrige Wege, begleitet vom Geschrei der Wasservögel, führten Severin Hoensbroech und sein Vater Graf Godehard die Besucherinnen und Besucher im Zwielicht zu den Baumschätzen des Parks. Eichen, Mammutbaum, Ginkgo, eine mehr als 300 Jahre alte Esche oder eine alte Eibe wachsen hier. Wie unterschiedlich und individuell das Motto der Literaturtage, „Sehnsuchtsorte“, interpretiert werden könne, hatte schon Birgit Immisch von der Kerpener Kulturabteilung bei der Begrüßung der Spaziergänger in der Rentei formuliert. Die Familie Hoensbroech hatte eine Reise in die Parkarchitektur geplant, in der Bäume eindrucksvolle Räume schaffen. Unter der ausladenden Krone einer Sommerlinde fand die gesamte Versammlung Platz. Ebenso wie im Ensemble von sieben Winterlinden, die am Rand der Allee ein kuppelartiges Gewölbe bilden. An ausgewählten Stellen las Severin Hoensbroech im Licht einer Stirnlampe aus einer Sammlung literarischer Texte vor, die Holger Schwab ausgesucht hatte. Tochter Philomena leuchtete dazu die Baumwipfel aus oder lenkte den Blick auf eindrucksvolle Stützstrukturen in den mächtigen Kronen zweier Platanen am Rand des Weihers. Auch auf das zweigeteilte Blatt des Ginkgobaums, das Goethe in einem Gedicht beschreibt, oder die Rindenstrukturen einer 45 Meter hohen Esche, die an fließendes Wasser erinnert, machte sie aufmerksam. Graf Godehard von und zu Hoensbroech teilte sein Wissen über das Wesen der Bäume mit dem Publikum und berichtete als Begründer der Naturheilmittelfirma Ceres auch von ihrem medizinischen Nutzen. Wie sehr Bäume „anders ticken“ als Menschen, dennoch individuelle Züge ausbilden und mittels wortloser Kommunikation sogar in der Lage sind, Gemeinschaften auszubilden, davon vermittelte schon ein Text aus der Forschung des Wissenschaftlers Frantisek Baluska eine Ahnung. Die Textsammlung mit Werken von Astrid Lindgren, Bertolt Brecht, Adam Zagajewski, Günter Wohlfahrt, Stevie Wonder, Antoine de Saint-Exupéry und Theodor Fontane widmete sich dem Geheimnis der Bäume, umrankte sie mit Mythen und schmückte sie mit Fabelwesen und Gleichnissen. Da schildert Fontane etwa den Zauber der Eibe, die seit jeher für heilig und geheimnisvoll gehalten wird, in „Blickt ins Fenster der Eibenbaum“. Als Glücksbote, dessen Holz, eingewebt in Fischernetzen, reichen Fang verspreche oder Schutz gegen Viehverzauberung, taucht sie da auf oder als Zutat für einen Hexentrunk in Shakespeares Macbeth. Aus Eibenholu wurden zudem kriegerische Bogen und Fasspiepen gefertigt. Als Gewächs, weder Strauch noch Busch, charakterisierte Graf Hoensbroech die Eibe, als „Wächterbaum der Unterwelt“. In der Gartenkunst und im Türnicher Park werde sie gern als Pforte zu einem anderen Raum genutzt.
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Ado van de Filmchens

Freier Journalist, Fotograf u. Filmemacher

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