Sonntag, 29 August 2021 11:26

Der Mann, der nach Helgoland schwamm

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ON STEPHAN KLEMM T iefe Dunkelheit hat sich über den Strand von St. Peter Ording gelegt, aufgehellt nur vom Vollmond, dessen silberner Schein über dem Meer glitzert. An der Küste präpariert sich André Wiersig neben ein paar kleinen Positionsleuchten, zieht eine gelbe Badekappe über, richtet seine Schwimmbrille und reibt seinen Körper mit Vaseline ein. Und dann geht er am vorvergangenen Samstag, eine Badehosen um die Hüften, mehr nicht, in die Springflut der Nordsee. Die ist jetzt, um 0.04 Uhr am intensivsten. Genauso will es Wiersig haben, so haben er und sein Team es berechnet. Erste Schritte ins Wasser, dann ab hinein, schwimmen ins Schwarz der Nacht. Ein Beiboot und zwei Kajaks weisen ihm den Weg zum Ziel. Das ist Helgoland, die kleine Insel in der Deutschen Bucht, 48,5 Kilometer Luftlinie entfernt. Bald schon kommt eine gewaltige Ebbe, sie soll Wiersig hinausziehen in die Weite der Nordsee, Helgoland entgegen. Das ist das waghalsigste Schwimm-Unternehmen der Gegenwart. Niemand hat es bisher allein durch die Nordsee schwimmend auf das Eiland geschafft. Wiersig hat vor Jahren Jörg Singer angeschrieben, den Bürgermeister von Helgoland. Er, André Wiersig aus Paderborn, wolle nach Helgoland schwimmen, hieß es in der Mail, und ob er, der Bürgermeister, nicht ein paar Kontakte herstellen könne. Zunächst keine Antwort. Ein Spinner, denkt Singer. Es folgt die Weihnachtsfeier der Insulaner Ende 2019. Singer erzählt den DLRG-Schwimmern der Insel von einer seltsamen Mail. Da wolle jemand nach Helgoland schwimmen. Die DLRG-Männer fragen: „Wer denn?“ Antwort: „Ein André Wiersig.“ Oh oh ist die Antwort. Und: „Der meint es ernst.“ Daraufhin schreibt Singer zurück. Die Vorbereitungen starten. Anderthalb Jahre haben sie gedauert. Genehmigungen besorgen, Behörden anschreiben, den Plan vorstellen, sich selbst präparieren in Corona-Zeiten – alles nicht einfach. Doch dann hat Wiersig alle geforderten Scheine und sein Team beisammen, der Termin steht, 21. August, gegen Mitternacht in St. Peter Ording. Wiersigs Crew: der knorrige Helgoländer Dennis Allers als Bootsführer in einem familieneigenen Börte-Boot namens Pinguin. Der Gezeiten- und Strömungsexperte Thorga Brüning, ein Navigator vom Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Er wird später auf dem offenem Meer seekrank. Sein Job: Vorausberechnung der Gezeiten, der Strömungen und des Schwimmweges. Dazu Wolfgang Schmidt als erfahrener Kapitän. Wiersigs Schwager Jürgen Peters und ein Freund sitzen im Kajak. „Die Nordsee ist eines der gefährlichsten Gewässer der Erde. In ihr toben extreme Strömungen und Wellen. Um das alles auszuhalten, brauche ich ein Team“, sagt Wiersig, ein erfahrener Distanzschwimmer. 2019 war er der erste Deutsche, der die „Ocean’s Seven“ durchschwamm, die sieben gewaltigsten Meerengen der Welt. Alles nach den puristischen Regeln der Kanalschwimmer: Badekappe, Schwimmbrille, Badehose. Egal, wie kalt das Wasser ist. Es folgten die Gewöhnung an die niedrigen Wassertemperaturen etwa der Irischen See, warm hat Wiersig daheim in Paderborn nie mehr geduscht, sich stattdessen in der Eistonne an die Kälte des Wassers gewöhnt. Dann ging es los: Ärmelkanal (33,2 Kilometer Distanz/geschwommen: 45,8, August 2014), Kaiw’i Channel vor Hawaii (42/55, Oktober 2015), North Channel (zwischen England und Irland, 35/52, August 2016), Catalina Channel (zwischen der Insel Catalina und Los Angeles, 32/40, Juli 2017), Tsugaro-Strait (zwischen Honshu und Hokkaido, Japan, 19,5/42, Juli 2018), Cook Strait (zwischen den beiden Hauptinseln Neuseelands, 23/32,9, Mai 2019) und die Straße von Gibraltar (14,4/18,2, Juni 2019). Zuvor haben diese Prüfung erst 15 Menschen bestanden. Und irgendwann zwischen all diesen gewaltigen Aufgaben kam Wiersig die Idee, nach Helgoland schwimmen zu wollen. Jetzt ist er im Wasser. Hell ist es geworden. Kegelrobben begleiten ihn ein Stück, einen Makrelenschwarm sieht Wiersig an sich vorbeiziehen. Zuvor, in der Nacht, erlebt er das Meeresleuchten, die Biolumineszenzen: „Auf einmal taucht da ein helles Blau auf infolge der Bewegung. Da hat mich die Nordsee beschenkt. Und wenn du die Quallen berührst, leuchten sie grün auf. Das war so großartig“, sagt Wiersig. Feuerquallen waren allerdings auch dabei, „die zwirbeln ganz gut.“ Das Adrenalin ist so groß, dass Wiersig keine Müdigkeit spürt. Am Vorabend war er noch bei einem Freund in Hamburg, sie haben sich ein AC/DC-Konzert auf DVD angesehen, dazu trank Wiersig ein Glas Weißwein. Er hat bestens geschlafen. Und fuhr dann am Morgen nach St. Peter Ording. Unterwegs, auf halber Strecke im Meer, eine große Probe: Eine Stunde lang kommt Wiersig wegen der starken Strömung nur 500 Meter vorwärts, normalerweise schafft er vier Kilometer in 60 Minuten. Doch solche Hindernisse seien normal, deshalb habe er auch nicht „geklagt oder auf die Nordsee geschimpft. Die kann doch nichts dafür.“ Die Kraft geht dem breitschultrigen Mann aus Ostwestfalen nie aus während seines Kraul-Vortrags. Bisweilen habe er einen Umweg schwimmen müssen, doch er habe seiner Crew immer zu verstehen gegeben, dass alles in bester Ordnung sei: „Macht euch keinen Stress auf den Booten“. Das war so gegen 15 Uhr, nach 15 Stunden im Wasser – „ich habe den Jungs gesagt, dass ich zur Not auch noch die folgende Nacht durchschwimmen kann. Das war kein Spruch, nicht gekünstelt, sondern die Wahrheit.“ Diese Power, diese Wucht, diese mentale Stärke hat sofort auf das Team abgefärbt: Sie wussten, dass diesen Mann nichts aufhalten wird. 18 Kilometer vor dem Ziel ist bereits die Silhouette von Helgoland zu sehen. Mit der Zeit wird die Insel immer größer und die Erkenntnis wächst: Ich schaffe es. An der Stelle, an der Wiersig an Land gehen will, die Schweinebucht auf der Düne, der Nebeninsel, stehen 200 Menschen, Freunde, Kinder, die Steine für ihn sammeln und Touristen. Der Helgoland-Schwimmer hat sie angezogen. Nach 18 Stunden und 14 Minuten landet er an, erhebt er sich langsam aus der Bucht, als erster Mensch, der schwimmend diese Insel erreicht. Am Ende schwimmt Wiersig 50,1 Kilometer. „Unvergesslich. Unglaublich. Was für eine Freude, was für ein Gefühl“, sagt Wiersig nachdem er unter den Füßen Helgoländer Sand spürt. Seine Frau Beate empfängt ihn als Erste. Er habe einfach mal ein Teil der Nordsee werden wollen, sagt Wiersig, das sei seine Motivation gewesen. „Und das geht in dieser Intensität, die ich dabei für mich reklamiere, nur auf dem Weg nach Helgoland“, erzählt Wiersig. Er ist überdies ein Botschafter der Deutschen Meeresstiftung und der gerade erst ausgerufenen „Ocean Decade“ der Vereinten Nationen. Nun gehe es darum, die Leute, die sich für seine Leistung interessieren, mitzunehmen, ihnen davon zu erzählen, wie fabelhaft die Nordsee ist, wie spektakulär die Meere überhaupt sind, der Lebensraum Ozean. Auf dem Weg nach Helgoland ist er auf zerstörte und vergessene Schleppnetze gestoßen. Sie wurden eingesammelt und entsorgt. „Solche menschengemachten Probleme existieren, aber das Meer ist immer noch ein funktionierender Lebensraum. Ich möchte nun klar machen, dass es sich lohnt, für diesen Lebensraum sein Verhalten umzustellen. Weil es der Sache der Meere dient.“ Was folgt nun, wird Wiersig im Sinne der Sache womöglich von St. Peter Ording nach Norwegen schwimmen? „Nein. Das nicht. Aber ich schwimme weiter.“ Für sich. Und für die Meere. Fotos:Dennis Daletzki, Erik Eggers
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Ado van de Filmchens

Freier Journalist, Fotograf u. Filmemacher

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