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Sonntag, 04 Juli 2021 11:35

Gefährliche Brocken aus dem All

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VON OLIVER PIETSCHMANN Sie brachten möglicherweise das Wasser und damit die Grundlage allen Lebens auf die Erde. Doch sie können auch den Tod bringen: Asteroiden. Die Gefahr von Einschlägen ist tatsächlich allgegenwärtig – und keine Übertreibung von Hollywood-Filmen wie „Armageddon“ (1998). Die Raumfahrtbehörden richten zunehmend ihr Augenmerk auf die Brocken aus den Weiten unseres Sonnensystems – und wollen sie zur Not beschießen. Für viele Menschen sind sie die Gefahr, die aus der Dunkelheit kommt. Einschläge von Asteroiden können Tod und Verwüstung bringen. Längst scannen Experten den Himmel, um gefährliche Brocken aus dem All rechtzeitig zu sehen. Die Abwehr dieser Überreste der Planetenentstehung ist längst keine Science-Fiction mehr. Der Beschuss von Asteroiden soll in Kürze erstmals Realität werden. Angst vor Unheil aus dem All muss man Experten zufolge aber derzeit nicht haben. Richtig große Brocken sind nicht auf Kollisionskurs mit unserem Heimatplaneten. „Es gibt keinen Grund zur Panik“, sagt Detlef Koschny, Asteroidenexperte der europäischen Raumfahrtagentur ESA. Überraschungen könne es aber immer geben. „Es gibt viele Objekte da draußen, die wir noch gar nicht kennen.“ Ab einer Größe von 50 Metern muss man über eine absichtliche Ablenkung nachdenken. Asteroid „Apophis“ mit rund 300 Metern Durchmesser sei ein solcher Kandidat gewesen. Lange glaubte man, dass der Brocken 2068 Kollisionspotenzial mit der Erde hat. „»Apophis« ist vom Tisch. Die Gefahr ist gebannt“, sagt Koschny zu jüngsten Berechnungen. Der Asteroid wurde aus der Risikoliste der ESA gestrichen. 2029 fliegt er an der Erde vorbei, in nur 30 000 Kilometern Entfernung. „Das ist unterhalb der Höhe von Wetter- und Fernsehsatelliten“, sagt Alan Harris, Asteroidenforscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Zum Vergleich: Der Mond ist rund 400 000 Kilometer entfernt. Welche zerstörerische Kraft Asteroiden haben können, zeigt der Einschlag eines rund zwölf Kilometer großen Brockens vor rund 66 Millionen Jahren in Mexiko. Er gilt weithin als Ursache für das Aussterben der Dinosaurier. Nach einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums Frankfurt waren globale Finsternis, starke Abkühlung, Waldbrände und eine Versauerung der Ozeane die Folgen des Einschlags. Wenn so etwas auf die Erde zukommt, hat man Harris zufolge nicht viele Optionen. Da müsste man versuchen, mit einer Reihe von atomaren Sprengköpfen die Bahn abzulenken. „Das würden wir aber Jahrhunderte im Voraus wissen. Wir sind sicher, dass nichts am Himmel ist, das die Erde treffen könnte, das größer ist als ein Kilometer.“ Vorbereitet auf etwaige Gefahren aus dem All möchten die Raumfahrtbehörden dennoch sein. Schon heute wird der Himmel gescannt, nun starten ESA und NASA ein gemeinsames Projekt, um erstmals in der Geschichte der Raumfahrt den Orbit eines Asteroiden zu verändern. Die US-Sonde „Dart“ soll 2022 in 150 Millionen Kilometer Entfernung in den kleineren Brocken eines Doppelasteroiden einschlagen. 2024 soll dann die nach einer griechischen Göttin benannte und vom ESA-Kontrollzentrum in Darmstadt gesteuerte Mission „Hera“ starten und den „beschossenen“ Asteroidenteil untersuchen. Detlef Koschny zufolge wird „Dart“ mit einer Geschwindigkeit von knapp sieben Kilometern pro Sekunde aufschlagen. „Für die Asteroidenabwehr ist das schon ein Meilenstein.“ Zerstören wolle man den Asteroiden aber nicht. „Die Dinger kaputtzumachen, so wie Bruce Willis in »Armageddon« das tut, ist nicht gut, weil dann die Brösel auf die Erde fallen“, sagt Koschny. Asteroiden sind für Alan Harris Fluch und Segen zugleich. Der steten Gefahr von Einschlägen steht die möglicherweise lebensspendende Eigenschaft gegenüber. „Die Idee ist, dass die Asteroiden, die wir heute sehen, verwandt sind mit den Bausteinen der Erde“, erklärt der Forscher. Man vermute, dass diese vielleicht die Hauptquelle von Wasser waren. „Asteroiden können das A und das O des Lebens auf der Erde sein.“ (dpa) Detlef Koschny, ESA Staub und Geröll für die Wissenschaft Eine Milliarde Dollar hat die Osiris-Rex-Mission gekostet. (picture alliance/dpa/NASA) Mit einem komplizierten Manöver hat die NASA-Sonde „Osiris-Rex“ im Oktober 2020 dem Asteroiden Bennu eine Probe entnommen – als erster US-Flugkörper der Raumfahrtgeschichte. Die Sonde befindet sich seit Mai auf dem Rückweg zur Erde, soll im September 2023 die Probe abliefern. Wie viel Gramm Staub und Geröll des Asteroiden sie enthält, wissen die NASA-Forscher noch nicht. Denn der Deckel des Auffangbehälters war von größeren Steinen aufgestemmt worden, Teile der Probe wieder herausgefallen. Man geht aber davon aus, dass die Mindestanforderung von 60 Gramm erfüllt ist. 2023 soll „Osiris-Rex“ die Probe abwerfen, mit Fallschirmen landet sie dann im US-Bundesstaat Utah. Anschließend wird sie in Laboren auf der ganzen Welt untersucht. „Osiris Rex“ (Origins, Spectral Interpretation, Resource Identification, Security-Regolith Explorer) war 2016 gestartet und zwei Jahre später bei Bennu angekommen. Seitdem umkreiste die Sonde den Asteroiden. Der tiefschwarze Bennu (benannt nach einer ägyptischen Gottheit) könnte der Erde in gut 150 Jahren nahe kommen. Ein Einschlagrisiko ist gering, dennoch zählt die NASA ihn zu den gefährlichsten der derzeit bekannten Asteroiden. WAS HEISST WIE? Asteroid: Hat eine ähnliche Umlaufbahn wie die Erde. Wird häufig als Kleinplanet oder Planetoid bezeichnet. Besteht meist aus festen Stoffen wie Gestein und Metall. Da ein Asteroid kaum oder gar keine flüchtigen Stoffe enthält, bildet er auch keinen Schweif und ist mit bloßem Auge nicht am Himmel zu erkennen. Komet: Weiter von der Sonne entfernt, bildet sich außerhalb unseres Sonnensystems. Besteht aus Staub, Wasser oder Kohlenmonoxid. Die Substanzen sind gefroren; kommt ein Komet in wärmere Gefilde des Alls, tauen sie auf und formen eine Blase (Koma), die dann den typischen Kometenschweif bildet. Meteorid/Meteoroid: Kann einige Zentimeter oder ein paar Meter groß sein, meist Bruchstück nach einer Kollision von Asteroiden oder Kometen. Bildet sich aber auch aus dem Staub eines Kometenschweifs. Meteorit: So heißen Meteoriden, wenn sie aus dem Weltall die Erdatmosphäre erreichen. Meteor: Meint den Lichtstrahl, der bei Eintritt eines Meteoriten in die Erdatmosphäre entsteht. Es sind Sternschnuppen, die wir sehen können. DER VORFALL VON TSCHELJABINSK (picture alliance/dpa/Tass) Im Jahr 2013 kam ein 20 Meter großer Asteroid in der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk aus dem Nichts – und richtete massive Verwüstungen an. Er brach im Vorbeiflug auseinander (Foto). Ohne jede Vorwarnung verletzte die Druckwelle 1500 Menschen, meist durch geborstene Scheiben. 3700 Gebäude wurden beschädigt. Eine Explosion eines Brockens dieser Größenordnung setzt eine Energie von 500 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT frei – die Hiroshimabombe hatte 15 Kilotonnen. Es handelte sich um den größten bekannten Meteoriten seit über 100 Jahren. Ein großes Stück stürzte in einen See. Beim Auseinanderbrechen erzeugte er einen Lichtblitz, der 30-mal heller als die Sonne war. ASTEROIDENTAG Am 30. Juni 1908 kam es in Russland zu einer Asteroidenexplosion über Tunguska in Sibirien. Dort fegte die Druckwelle Millionen Bäume auf einer Fläche fast so groß wie das Saarland weg. Wegen dieser Naturkatastrophe riefen die Vereinten Nationen 2016 den 30. Juni zum Internationalen Asteroidentag aus, um die Bedrohungen und Chancen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Wäre der Himmelskörper nur wenige Stunden später eingeschlagen, hätte das Ereignis katastrophale Folgen gehabt, da er dann über besiedeltem Gebiet niedergegangen wäre. ARTIKEL Fotos: iStockphoto/Getty, dpa, NASA, ESA Mit einem komplizierten Manöver hat die NASA-Sonde „Osiris-Rex“ im Oktober 2020 dem Asteroiden Bennu eine Probe entnommen – als erster US-Flugkörper der Raumfahrtgeschichte. Die Sonde befindet sich seit Mai auf dem Rückweg zur Erde, soll im September 2023 die Probe abliefern. Wie viel Gramm Staub und Geröll des Asteroiden sie enthält, wissen die NASA-Forscher noch nicht. Denn der Deckel des Auffangbehälters war von größeren Steinen aufgestemmt worden, Teile der Probe wieder herausgefallen. Man geht aber davon aus, dass die Mindestanforderung von 60 Gramm erfüllt ist. 2023 soll „Osiris-Rex“ die Probe abwerfen, mit Fallschirmen landet sie dann im US-Bundesstaat Utah. Anschließend wird sie in Laboren auf der ganzen Welt untersucht. „Osiris Rex“ (Origins, Spectral Interpretation, Resource Identification, Security-Regolith Explorer) war 2016 gestartet und zwei Jahre später bei Bennu angekommen. Seitdem umkreiste die Sonde den Asteroiden. Der tiefschwarze Bennu (benannt nach einer ägyptischen Gottheit) könnte der Erde in gut 150 Jahren nahe kommen. Ein Einschlagrisiko ist gering, dennoch zählt die NASA ihn zu den gefährlichsten der derzeit bekannten Asteroiden. Im Jahr 2013 kam ein 20 Meter großer Asteroid in der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk aus dem Nichts – und richtete massive Verwüstungen an. Er brach im Vorbeiflug auseinander (Foto). Ohne jede Vorwarnung verletzte die Druckwelle 1500 Menschen, meist durch geborstene Scheiben. 3700 Gebäude wurden beschädigt. Eine Explosion eines Brockens dieser Größenordnung setzt eine Energie von 500 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT frei – die Hiroshimabombe hatte 15 Kilotonnen. Es handelte sich um den größten bekannten Meteoriten seit über 100 Jahren. Ein großes Stück stürzte in einen See. Beim Auseinanderbrechen erzeugte er einen Lichtblitz, der 30-mal heller als die Sonne war.
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Ado van de Filmchens

Freier Journalist, Fotograf u. Filmemacher